In jeder zahnmedizinischen Universitätsklinik findet sich mindestens ein Patient, der schwört, seine Ernährung sei in Ordnung – er trinke nur Cola, keine „chemischen" Energy Drinks. Diese Unterscheidung wirkt intuitiv. Aus der Perspektive der Schmelzerosion ist sie jedoch weitgehend falsch.
01Die EvidenzWas die Forschung tatsächlich zeigt
Rasterelektronenmikroskopische Studien, die Red Bull, Gatorade, Coca-Cola Classic und Diet Coke an extrahierten menschlichen Molaren verglichen haben, ordnen das Erosionspotenzial eindeutig: Red Bull > Gatorade > Coca-Cola Classic > Diet Coke. Nach 14 Tagen kontinuierlicher Immersion zeigten Red Bull und Gatorade die ausgeprägtesten morphologischen Oberflächenveränderungen – Verlust der Prismenstruktur, Oberflächenpitting und eine irreguläre Post-Treatment-Topographie, die Cola-Getränke bei gleicher Expositionszeit schlicht nicht erreichten.
Eine separate Studie zur Schmelzauflösung mittels Gewichtsverlustmessung über 14 Tage bestätigte dieselbe Hierarchie: Aromatisierte Getränke und Energy Drinks verursachten einen deutlich stärkeren Schmelzangriff als Cola-Getränke. Entscheidend ist dabei, dass die Studie keine signifikante Korrelation zwischen dem pH-Wert des Getränks und dem Ausmaß der Schmelzauflösung feststellte – der pH-Wert allein sagt also nichts über das Erosionspotenzial aus, und Kliniker, die Patienten auf Basis von pH-Wert-Vergleichen beruhigen, arbeiten mit einem unvollständigen Bild.
02Die ChemieWarum Energy Drinks härter zuschlagen
Cola-Getränke werden in erster Linie mit Phosphorsäure angesäuert, die einen relativ hohen pKa-Wert aufweist und durch die bereits in Lösung vorhandenen Phosphationen eine gewisse natürliche Calciumpufferung bietet. Energy Drinks hingegen kombinieren typischerweise Zitronensäure und Äpfelsäure – beide chelatieren Calciumionen aus der Schmelzoberfläche aggressiver als Phosphorsäure. Zitronensäure bildet insbesondere lösliche Calcium-Citrat-Komplexe und entzieht dem Hydroxyapatitgitter schneller Mineralien, als der Speichel sie remineralisieren kann.
Die titrierbare Säure – die gesamte Säurelast, die ein Getränk abgeben kann, bevor sie neutralisiert wird – ist bei Energy Drinks durchgängig höher als bei Cola. Das ist bedeutsam, weil der Mund keinen einmaligen pH-Wert-Schnappschuss erlebt, sondern eine anhaltende Säurebelastung, bis die Speichelpufferung die Neutralität wiederherstellt. Ein Getränk mit höherer titrierbarer Säure hält das orale Milieu länger unterhalb des kritischen pH-Werts für die Schmelzauflösung (ca. 5,5).

03TaurinSpielt es für die Zähne eine Rolle?
Taurin – die Aminosäure, die nach der Popularisierung durch Red Bull in den 1990er-Jahren zum Synonym für Energy Drinks wurde – hat keine direkte erosive Wirkung auf dentale Hartgewebe. Es ist keine Säure, es chelatiert kein Calcium, und seine Anwesenheit in einem Getränk verändert dessen Erosionspotenzial nicht nennenswert. Aus rein zahnmedizinischer Sicht ist Taurin ein Passagier, kein Treiber.
Dennoch ist Taurin in der Patientenaufklärung aus einem anderen Grund erwähnenswert: Es signalisiert die Kategorie des Getränks. Patienten, die Taurin auf dem Etikett sehen, halten ein Produkt in der Hand, das mit großer Wahrscheinlichkeit auch Zitronensäure, eine hohe Zucker- oder Süßungsmittelmenge und ein Profil der titrierbaren Säure enthält, das die meisten Cola-Getränke übertrifft. Der Inhaltsstoff ist ein nützlicher Proxy für das Gespräch – nicht weil Taurin selbst die Zähne schädigt, sondern weil sein Vorhandensein zuverlässig mit den Inhaltsstoffen zusammenfällt, die es tun.
04Am BehandlungsstuhlWas Sie Ihren Patienten sagen sollten
Die praktische Botschaft ist klar: Energy Drinks sind keine zahngesündere Alternative zu Cola. Wenn ein Patient von Cola auf Energy Drinks umgestiegen ist, weil er glaubt, damit eine bessere Wahl für seine Zähne zu treffen, muss diese Annahme korrigiert werden.
- Häufigkeit und Kontaktzeit sind wichtiger als die Gesamtmenge. Ein Energy Drink, der über 45 Minuten hinweg getrunken wird, ist weitaus schädlicher als einer, der auf einmal getrunken wird.
- Sofortiges Spülen mit Wasser reduziert die Säurekontaktzeit und unterstützt die Speichelclearance – eine einfache, evidenzbasierte Empfehlung.
- 30–60 Minuten mit dem Zähneputzen warten nach dem Konsum eines sauren Getränks verhindert die mechanische Abrasion des aufgeweichten Schmelzes.
- Trinken mit einem Strohhalm reduziert die Exposition des palatinalen und labialen Schmelzes, eliminiert das Erosionsrisiko jedoch nicht vollständig.
- Bei Patienten mit bestehenden Erosionen ist das Gespräch über Energy Drinks mindestens ebenso wichtig wie das über Cola – und wohl noch dringlicher.
Verkürzte Verweildauern von Getränken im Mund – durch Speichelclearance oder Spülen – scheinen die Schmelzauflösung durch Energy- und Sportgetränke günstig zu begrenzen.
von Fraunhofer & Rogers · General Dentistry, 2005
Die Schlussfolgerung für die klinische Praxis: Hören Sie auf, Cola als den selbstverständlichen Hauptschuldigen in Erosionsgesprächen zu behandeln. Energy Drinks haben diesen Titel verdient – und die Mikroskopiedaten belegen es.

