Selbstadhäsive Zemente versprechen Geschwindigkeit und Einfachheit — kein Ätzen, kein Primer, einfach anmischen und einsetzen. In der Praxis funktioniert das jedoch nur dann, wenn Sie genau wissen, was der Zement von der Zahnoberfläche braucht und was ihn an seiner Arbeit hindert.
01GrundlagenWas ein selbstadhäsiver Zement tatsächlich tut
Selbstadhäsive Zemente (typischerweise RelyX Unicem, MaxCem, SpeedCEM) enthalten saure funktionelle Monomere — meist MDP oder Phosphatester —, deren Aufgabe es ist, die Zahnoberfläche selbst zu demineralisieren, in die Dentintubuli einzudringen und eine chemische Verbindung mit Hydroxylapatit einzugehen. Diese eigene Demineralisationskapazität ist jedoch begrenzt. Studien zeigen wiederholt, dass selbstadhäsive Zemente nur sehr flach in das Dentin eindringen und den Smear Layer nur teilweise entfernen.
Mit anderen Worten: Der Zement braucht Hydroxylapatit, an dem er sich festhalten kann. Steht ihm eine dicke Smear-Layer-Schicht oder ein übertrocknetes Dentin im Weg, ist die Verbindung schwach — unabhängig davon, was der Hersteller verspricht.
02Smear LayerFeind Nummer eins
Der Smear Layer entsteht bei jeder Präparation. Es ist eine schmierige Schicht aus zermahlenem Dentinmaterial, Bakterien und Resten, die die Dentintubuli verschließt und den Zugang des Zements zum Hydroxylapatit physisch blockiert. Selbstadhäsive Zemente können ihn nicht zuverlässig allein entfernen — das bestätigt auch die Studie von Monticelli et al. aus dem Jahr 2008, die nur eine minimale Penetration des selbstadhäsiven Zements in das Dentin ohne vorherige Oberflächenbehandlung zeigte.
Die Lösung ist einfach: kurzes Ätzen mit Phosphorsäure. Aber Vorsicht — es kommt darauf an, wo und wie lange.
03ProtokollSchmelz und Dentin werden nicht gleich geätzt
Hier liegt der Kern der Sache, und hier passieren die meisten Fehler.
Schmelz wird vom selbstadhäsiven Zement allein praktisch nicht geätzt. Ohne vorheriges Ätzen mit Phosphorsäure ist die Haftung am Schmelz deutlich schwächer als am Dentin. Die Studie von Rohr et al. (2022) zeigte, dass RelyX Universal am Schmelz die höchste Haftfestigkeit gerade durch die Kombination aus selektivem Schmelzätzen und Primer erreichte. Schmelz verträgt eine standardmäßige Ätzung von 15–30 Sekunden — er ist mineralisiert, widerstandsfähig, und die Säure öffnet ihn lediglich für die mechanische Retention.
Dentin ist eine andere Situation. Ätzen mit Phosphorsäure länger als 10–15 Sekunden überätzt das Dentin — es entfernt Hydroxylapatit zu tief, legt das Kollagengeflecht frei, das ohne Bonding Agent kollabiert, und die resultierende Haftung wird schlechter, als wenn Sie überhaupt nicht geätzt hätten. Ein selbstadhäsiver Zement braucht nämlich an der Oberfläche vorhandenes Hydroxylapatit, um sich chemisch damit verbinden zu können.
Der richtige Ansatz ist das selektive Schmelzätzen — Phosphorsäure nur auf den Schmelz, 15–30 Sekunden, das Dentin nicht berühren. Wenn Sie aber den Smear Layer aus dem Dentin entfernen und zugleich den Hydroxylapatit erhalten wollen, gibt es einen Kompromiss: eine sehr kurze Dentinätzung von 5–10 Sekunden. Eine derart kurze Exposition entfernt die grobe Smear-Layer-Schicht, beeinträchtigt aber die Hydroxylapatitstruktur nicht so weit, dass der Zement seinen chemischen Verankerungspunkt verliert. Hammal et al. (2021, PeerJ) bestätigten, dass das Ätzen des Dentins mit Phosphorsäure keinen negativen Einfluss auf die Haftfestigkeit des Zements MaxCem hat — im Gegenteil, bei einigen Zementen wurde sie sogar leicht verbessert.
04TrocknungWie viel ist genug
Und nun zu der Frage, derentwegen dieser ganze Artikel existiert: Wie stark soll der Zahn vor dem Einsetzen der Krone getrocknet werden?
Die Antwort lautet leicht feucht, nicht nass, aber auch nicht übertrocknet. Selbstadhäsive Zemente brauchen ein gewisses Maß an Feuchtigkeit, damit ihre sauren Monomere ionisieren und mit dem Hydroxylapatit reagieren können. Übertrocknetes Dentin — typischerweise nach aggressivem Abblasen mit Luft — lässt die Kollagenfasern kollabieren und verschließt die Tubuli. Der Zement hat dann nichts mehr, wo er eindringen könnte.
Praktisches Vorgehen: Lassen Sie das Dentin nach dem Abspülen der Säure und dem Trocknen des Schmelzes nur leicht feucht. Ein sanfter Luftstrom für 1–2 Sekunden aus größerer Entfernung reicht aus. Die Oberfläche sollte mattglänzend aussehen — nicht nass, nicht kreidig weiß.

05ZusammenfassungDie vier Schritte, die entscheiden
Ein selbstadhäsiver Zement leistet gute Arbeit, wenn Sie ihm die richtigen Bedingungen schaffen:
- Entfernen Sie den Smear Layer — kurzes Ätzen des Dentins (5–10 s) oder zumindest gründliches Spülen.
- Ätzen Sie den Schmelz standardmäßig (15–30 s) — ein selbstadhäsiver Zement auf nicht geätztem Schmelz reicht schlicht nicht aus.
- Erhalten Sie das Hydroxylapatit am Dentin — nicht überätzen, nicht übertrocknen.
- Lassen Sie das Dentin leicht feucht — eine mattglänzende Oberfläche ist das richtige Signal.
Selbstadhäsive Zemente sind ein hervorragendes Werkzeug für eine schnelle und zuverlässige Befestigung — aber nur dann, wenn Sie wissen, was sie von der Zahnoberfläche brauchen. Das Protokoll ist nicht kompliziert. Man muss es nur kennen.
