Alle Artikel
Cicero Flow
New
§Case study

Der Preis des Fortschritts: Wie moderne Technologie die Kosten pro Minute in der Zahnarztpraxis verändert

Von Bohrer und Spiegel zu CBCT, Intraoralscannern und digitalen Workflows – die durchschnittliche Zahnarztpraxis des Jahres 2026 hat mit der von 1990 kaum noch etwas gemein. Und ihre Kostenstruktur erst recht nicht.


Radek Mounajjed19. Juni 20266 min read
ein modernes zahnärztliches Behandlungszimmer mit fortschrittlichen digitalen Geräten neben einem Behandlungsstuhl991 Aufrufe
00Cicero · 2026

Wer 1990 eine Zahnarztpraxis betrat, fand einen Behandlungsstuhl, ein Handstück, ein Röntgengerät und einen Satz Handinstrumente vor. Der Overhead war real, aber überschaubar. Wer heute eine gut ausgestattete Praxis betritt, sieht sich einem CBCT-Scanner, einem Intraoralscanner, einer CAD/CAM-Fräseinheit, einem digitalen Röntgensystem, einer Intraoralkamera, einem Laser, einem Apex-Lokator, einem elektrischen Handstücksystem und einer Praxisverwaltungsplattform gegenüber. Jedes einzelne dieser Geräte bringt einen Anschaffungspreis, einen Wartungsvertrag, eine Abschreibungskurve und Schulungskosten mit sich. Die Frage lautet nicht mehr ob Technologie die Kosten pro Minute erhöht – das tut sie zweifellos. Die Frage ist: um wie viel, und ob die Rechnung für die Praxis noch aufgeht.

01Der Ausgangspunkt 1990Was der Betrieb einer Praxis tatsächlich kostete

Eine allgemeinzahnärztliche Praxis im Jahr 1990 verfügte über einen Kapitalgerätebestand, der nach heutigen Maßstäben bescheiden war. Die konventionelle Filmradiografie erforderte einen Entwickler und Filmmaterial. Abformungen wurden in Alginat oder Polyvinylsiloxan genommen und an ein externes Labor geschickt. Sterilisation bedeutete einen Autoklaven. Die dominierenden Overhead-Kategorien waren Personalkosten, Miete und Verbrauchsmaterialien – nicht Technologieabschreibungen.

Branchenerhebungen aus jener Zeit bezifferten den gerätebezogenen Overhead für eine typische allgemeinzahnärztliche Praxis konstant auf etwa 5–7 % des Bruttoumsatzes. Der Rest entfiel auf Personalkosten (ca. 25–30 %), Raumkosten und Materialien. Die Kosten pro klinischer Minute wurden fast ausschließlich davon bestimmt, wie viele Patienten eingeplant werden konnten und wie effizient der Zahnarzt mit einfachen Instrumenten arbeitete.

02Der Technologie-StackWas Praxen heute in der Bilanz führen

Die Transformation vollzog sich nicht über Nacht. Sie kam in Wellen: digitale Radiografie in den späten 1990er-Jahren, Implantatsysteme in den 2000er-Jahren, CBCT und Intraoralscanner in den 2010er-Jahren, und nun KI-gestützte Diagnostik und digitale Workflows. Eine Umfrage unter US-amerikanischen Zahnärzten aus dem Jahr 2020 – veröffentlicht in JDR Clinical and Translational Research – ergab, dass digitale Bildgebung, Dentalimplantate und Adhäsivmaterialien als die drei praxisverändernden Innovationen der vorangegangenen 30 Jahre eingestuft wurden. Jede dieser Innovationen ist auch mit erheblichen Investitions- und Betriebskosten verbunden.

Eine grobe Bestandsaufnahme einer vollständig ausgestatteten allgemeinzahnärztlichen Praxis im Jahr 2026 könnte wie folgt aussehen:

  • Intraoraler Scanner (€ 15.000–€ 30.000 Anschaffung + jährliches Software-Abonnement)
  • CBCT-Gerät (€ 60.000–€ 120.000 Anschaffung + Wartungsvertrag)
  • CAD/CAM-Fräseinheit (€ 30.000–€ 80.000 + Fräserersatz + Service)
  • Digitales Röntgensystem (€ 10.000–€ 25.000 pro Behandlungseinheit)
  • Elektrisches Handstücksystem (€ 3.000–€ 8.000 pro Einheit)
  • Laser (€ 8.000–€ 40.000 je nach Typ)
  • Praxisverwaltungssoftware (monatliche SaaS-Gebühren + Hardware)
  • Intraoralkameras (€ 1.500–€ 5.000 pro Einheit)

Verteilt auf einen Abschreibungszeitraum von 10 Jahren und unter Berücksichtigung von Wartungskosten kann eine vollständig digitale Praxis € 15.000–€ 30.000 pro Jahr an technologiebezogenen Fixkosten tragen, die es 1990 schlicht nicht gab. Bei einer Praxis mit 200 klinischen Arbeitstagen pro Jahr und 7 produktiven Stunden pro Tag entspricht das einem zusätzlichen € 10–€ 21 pro klinischer Stunde an fixen Gemeinkosten – bevor auch nur ein einziger Patient im Stuhl sitzt.

Vergleichendes Balkendiagramm, das den steigenden Anteil gerätebezogener Gemeinkosten an den Praxiskosten von 1990 bis 2026 zeigt
Der Anteil der Gerätekosten an den Praxiskosten hat sich seit 1990 in etwa verdoppelt.

03Die Kosten pro MinuteDie Zahlen im Überblick

Das Konzept der „Kosten pro Minute" ist ein nützliches Instrument zur Analyse der Praxiswirtschaft. Es fragt: Was kostet die Praxis jede Minute, in der der Behandlungsstuhl belegt ist – oder, noch schmerzhafter, unbesetzt bleibt?

Wenn der gesamte Jahresoverhead einer Praxis (Personal, Miete, Materialien, Geräte, Software, Versicherung) € 400.000 beträgt und die Praxis 1.400 produktive klinische Stunden pro Jahr erbringt, belaufen sich die Kosten pro Minute auf etwa € 4,76. Ein 30-minütiger Hygienetermin muss mindestens € 143 einbringen, nur um die direkten Kosten zu decken – ohne das eigene Einkommen des Zahnarztes.

Technologie erhöht diese Untergrenze. Kommen € 20.000 pro Jahr an Geräteabschreibungen und Wartungsverträgen hinzu, steigen die Kosten pro Minute um etwa € 0,24 – eine Zahl, die gering klingt, sich aber über jeden Termin, jeden Tag und jedes Jahr hinweg aufaddiert. Bei einer Praxis mit 4.000 Terminen pro Jahr sind das zusätzliche € 48.000 an Umsatz, die allein erwirtschaftet werden müssen, um den Status quo zu halten.

Der leer stehende Stuhl ist das teuerste Gerät in der Praxis.

Practice management principle — widely cited in dental business literature

04Die andere Seite der BilanzWenn Technologie sich selbst finanziert

Das Kostenargument gilt nur, wenn Technologie keine Rendite abwirft – und das ist selten der Fall. Dieselben Innovationen, die den Overhead erhöhen, verändern auch das klinisch Mögliche und die Effizienz seiner Umsetzung.

Ein Intraoraler Scanner eliminiert Abformmaterialkosten, reduziert Nacharbeiten und verkürzt die Behandlungszeit bei Kronenvorbereitungen. Ein CBCT-Gerät ermöglicht eine Implantatplanung, die chirurgische Komplikationen reduziert und Behandlungsentscheidungen am selben Tag unterstützt, die andernfalls eine Überweisung erfordern würden. CAD/CAM-Sofortversorgungen eliminieren den Provisoriumstermin und den zweiten Einsetzermin – zwei Termine werden zu einem komprimiert, und Stuhlzeit wird für weitere Patienten frei.

Die ehrliche Bilanzierung lautet nicht „Technologie kostet mehr", sondern „Technologie kostet mehr und verändert den Umsatz pro Stunde, wenn die Praxis so strukturiert ist, dass sie diesen Mehrwert auch realisiert." Eine Praxis, die ein CBCT-Gerät besitzt, aber alle Implantatfälle an einen Spezialisten überweist, trägt die Kapitalkosten, ohne den klinischen Ertrag zu erzielen. Eine Praxis, die CBCT in einen vollständigen Implantat-Workflow integriert – Planung, Chirurgie, Versorgung – amortisiert dasselbe Gerät über eine deutlich höhere Umsatzbasis.

05Die strategische FrageInvestition oder Overhead

Praxen, die Technologiekosten am effektivsten steuern, behandeln die Geräteanschaffung als strategische Entscheidung und nicht als Katalogkauf. Die entscheidenden Fragen vor jeder größeren Anschaffung sind klar: Wie viele Behandlungen pro Monat ermöglicht oder beschleunigt dieses Gerät? Wie hoch ist der realistische Umsatz pro Behandlung? Bei welcher monatlichen Auslastung deckt das Gerät seine annualisierten Kosten?

Ein CBCT-Gerät mit einem Anschaffungspreis von € 80.000, € 3.000 pro Jahr an Wartungskosten und einem Abschreibungszeitraum von 10 Jahren kostet etwa € 11.000 pro Jahr. Wenn die Praxis € 150 pro CBCT-Aufnahme berechnet und 10 Aufnahmen pro Monat durchführt, erwirtschaftet das Gerät € 18.000 pro Jahr – es deckt seine Kosten und trägt zur Marge bei. Bei 5 Aufnahmen pro Monat arbeitet es mit Verlust. Das Gerät ist in beiden Szenarien identisch. Die Wirtschaftlichkeit wird ausschließlich durch die Auslastung bestimmt.

06AusblickDie Praxen, die erfolgreich sein werden

Die Kluft zwischen einer Praxis von 1990 und einer von 2026 ist nicht nur technologischer Natur – sie ist strukturell finanzieller Natur. Moderne Praxen tragen höhere Fixkosten, erfordern mehr Kapital und verlangen ein ausgefeilteres Management, um rentabel zu bleiben. Das ist kein Grund, Technologie zu meiden. Es ist ein Grund, bewusst zu entscheiden, welche Technologie wann und mit welchem Auslastungsziel eingeführt wird.

Die Praxen, die diesen Weg erfolgreich gehen werden, sind jene, die ihre Kosten pro Minute verfolgen, die Break-even-Auslastung für jedes Gerät vor dem Kauf kalkulieren und klinische Workflows aufbauen, die das umsatzgenerierende Potenzial jedes Geräts im Behandlungsraum maximieren. Jene, die Schwierigkeiten haben werden, sind die, die Technologie kaufen, weil Mitbewerber sie haben – ohne einen Plan, sie in dem Umfang zu nutzen, der die Kosten rechtfertigt.

Fortschritt hat seinen Preis. In der Zahnmedizin ist dieser Preis heute in jede Minute jedes Termins eingerechnet. Die Frage ist, ob die Praxis entsprechend abrechnet.

Radek Mounajjed

👨‍⚕️ doc. MUDr. Radek Mounajjed DDS., PhD. 🦷 D.C.M. Clinic 🎓 Associate Professor, Palacký University Olomouc, Czech Republic 📚 CICERO Cofounder ⚖️ Certified Court Expert in Dentistry

View educator profile