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§Clinical review

Ausschluss einer Fokalinfektion: Was andere Fachrichtungen vom Zahnarzt wirklich erwarten

Vor Bisphosphonaten, Klappenersatz oder biologischer Therapie steht der Zahnarzt an der ersten Front – und muss genau wissen, was von ihm verlangt wird.


Cicero Team22. Mai 20264 min read
Zahnarzt und Arzt betrachten gemeinsam ein zahnärztliches Panoramaröntgenbild vor einer systemischen Therapie
00Cicero · 2026

Der Kardiologe schreibt drei Worte auf den Überweisungsschein: Ausschluss einer Fokalinfektion. Der Rheumatologe dasselbe. Der Onkologe vor Beginn der Bisphosphonate ebenfalls. Der Zahnarzt erhält den Schein, der Patient sitzt im Stuhl – und es beginnt die Frage: Was bedeutet das eigentlich und was soll der Output sein?

01Warum das gefragt wirdDie Logik hinter der Anforderung

Eine Fokalinfektion ist ein chronischer oder subakuter Herd in der Mundhöhle, den der Organismus unter normalen Umständen toleriert. Sobald sich aber der immunologische oder pharmakologische Kontext ändert – Immunsuppression nach Transplantation, antiresorptive Therapie, biologische Behandlung oder Klappenchirurgie –, wird aus dem tolerierten Herd eine Quelle von Bakteriämie oder lokaler Nekrose mit potenziell schwerwiegenden systemischen Folgen.

Das Schlüsselprinzip ist einfach: Ein invasiver Eingriff in infiziertem Gewebe nach Beginn der Risikotherapie ist gefährlicher als derselbe Eingriff zuvor. Deshalb erfolgt die Sanierung präventiv im Fenster vor Therapiebeginn, solange das Gewebe noch standardmäßig heilt.

02Bisphosphonate und DenosumabDas strengste Fenster

Vor Beginn einer antiresorptiven Therapie (Bisphosphonate, Denosumab) – insbesondere in onkologischer Indikation mit intravenöser Gabe – ist die zahnärztliche Sanierung die bestdokumentierte Prävention der MRONJ (medication-related osteonecrosis of the jaw). Die internationalen MASCC/ISOO/ASCO-Leitlinien von 2019 empfehlen eine umfassende zahnärztliche Untersuchung, die Identifikation modifizierbarer Risikofaktoren und das Vermeiden elektiver dentoalveolärer Chirurgie nach Therapiebeginn.

Was konkret vor Therapiebeginn zu sanieren ist:

  • Extraktionen von Zähnen mit infauster Prognose (periapikale Läsionen, fortgeschrittene Parodontitis, Wurzelreste)
  • Endodontische Behandlung von Zähnen mit periapikalem Befund, wenn der Erhalt realistisch ist
  • Parodontale Behandlung – Scaling, Root Planing, Beseitigung tiefer Taschen
  • Entfernung schlecht sitzender Prothesen oder scharfer Kanten, die chronische Schleimhauttraumen verursachen

Zeitfenster: idealerweise 4–6 Wochen vor Therapiebeginn, damit Extraktionswunden knöchern heilen. Bei oralen Bisphosphonaten zur Osteoporosetherapie ist das MRONJ-Risiko deutlich geringer, das Prinzip der Sanierung bleibt aber.

03Herzklappenersatz und KardiochirurgieEndokarditis als reales Risiko

Orale Bakterien – insbesondere Streptococcus viridans, Enterococcus und parodontale Pathogene – sind nachgewiesene Erreger der infektiösen Endokarditis an prothetischen Klappen. Kardiochirurgen verlangen daher vor einer elektiven Operation eine Sanierung, um eine potenzielle Bakteriämie in der postoperativen Phase, in der die Prothese noch nicht endothelialisiert ist, auszuschalten.

Praktischer Inhalt der zahnärztlichen Untersuchung vor der Kardiochirurgie:

  • Panoramaröntgenaufnahme (OPG) + intraoraler Röntgenstatus als Basis – periapikale Läsionen, Wurzelreste, horizontaler Knochenverlust
  • Klinische parodontale Untersuchung (BOP, Sondierungstiefen)
  • Beurteilung der Schleimhäute und möglicher chronischer Traumen
  • CBCT als ergänzende Untersuchung bei Indikation

Der Output ist nicht nur eine Liste von Befunden – der Kardiologe braucht eine ausdrückliche Aussage darüber, ob aktive infektiöse Herde vorliegen und ob sie vor der Operation behandelt wurden oder werden. Eine vage Mitteilung „Gebiss saniert" ohne Spezifikation reicht nicht.

Das Auftreten einer prätransplantären zahnärztlichen Infektion, die zu einer Verschiebung oder Absage des Eingriffs führte, wurde bei 38 % der Transplantationszentren berichtet.

Guggenheimer J. et al. · Clinical Transplantation, 2005

04Transplantation und biologische TherapieImmunsuppression ändert die Spielregeln

Vor einer Organtransplantation (Leber, Nieren, Herz) und vor Beginn einer biologischen Therapie (Anti-TNF, Anti-IL, JAK-Inhibitoren) gilt dieselbe Logik: Ein Herd, mit dem ein immunkompetenter Organismus zurechtkommt, kann unter Immunsuppression eine systemische Sepsis auslösen. Eine Umfrage US-amerikanischer Transplantationszentren ergab, dass 80 % routinemäßig eine prätransplantäre zahnärztliche Untersuchung verlangen.

Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis, Psoriasis-Arthritis oder Spondylitis ankylosans unter biologischer Therapie ist zudem eine höhere Prävalenz oraler Pilzinfektionen und parodontaler Veränderungen belegt – was wiederum den Verlauf der Grunderkrankung erschwert.

Spezifika für diese Gruppe:

  • Die Sanierung sollte vor dem Beginn der Immunsuppression abgeschlossen sein, nicht parallel dazu
  • Parodontitis und rheumatoide Arthritis sind beidseitig verknüpft – ihre Behandlung kann die Aktivität der Grunderkrankung günstig beeinflussen
  • Nach Beginn der biologischen Therapie sind invasive Eingriffe möglich, erfordern jedoch eine Abstimmung mit dem Rheumatologen (Timing relativ zur Biologika-Dosis, ggf. AB-Prophylaxe)

05Was in den Bericht gehörtEin Format, das Kollegen schätzen

Der Bericht für den überweisenden Facharzt sollte enthalten:

  • Untersuchungsdatum und verwendete bildgebende Methoden
  • Aufzählung der Befunde mit klarer Angabe, ob es sich um einen aktiven infektiösen Herd handelt (ja/nein)
  • Beschreibung der durchgeführten oder geplanten Sanierung mit geschätztem Abschlusstermin
  • Explizite Schlussfolgerung: „Zum Datum [X] liegen in der Mundhöhle keine aktiven fokalen infektiösen Herde vor" – oder umgekehrt mit Beschreibung dessen, was noch zu erledigen ist

Der Zahnarzt in der Rolle des Konsultanten anderer Fachrichtungen ist nicht nur „der, der vor der Operation Zähne zieht". Er ist ein klinischer Partner, dessen Bericht den Zeitpunkt und die Sicherheit der systemischen Therapie direkt beeinflusst. Je präziser und strukturierter der Output, desto besser für den Patienten – und desto weniger Anrufe von Kardiologen, die nicht wissen, was sie aus dem Bericht mitnehmen sollen.

Cicero Team
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