Die adhäsive Zahnmedizin hat in den letzten siebzig Jahren eine Revolution durchlaufen. Vom ersten Säureätzen des Schmelzes, das Buonocore im Jahr 1955 beschrieb, bis zu den heutigen universellen Einflaschen-Systemen — jede Generation brachte einen neuen Kompromiss zwischen Einfachheit der Anwendung, Verbundfestigkeit und Langzeitstabilität. Diese Entwicklung zu verstehen ist nicht nur eine akademische Übung: Die Wahl des Adhäsivs beeinflusst direkt das klinische Ergebnis jeder Kompositfüllung, indirekter Restauration sowie kieferorthopädischer Fixierungen.
01Historischer KontextWarum die Generationen wichtig sind
Die Klassifizierung der Adhäsive in „Generationen" ist in der Literatur etabliert, wenn auch nicht ganz einheitlich. Sofan et al. (2017) [1] beschreiben in ihrer Übersichtsarbeit die Entwicklung von der 4. Generation (Drei-Schritt-Etch-and-Rinse) über die 5.–6. Generation (vereinfachte Systeme) bis zur 7. Generation (All-in-One). Van Meerbeek et al. (2020) [2] weisen in einem umfangreichen Status-Review darauf hin, dass die Generationennummerierung ein Marketingkonstrukt ist — klinisch relevanter ist die Einteilung in Etch-and-Rinse (E&R)- und Self-Etch (SE)-Systeme, wobei jeder Ansatz klar definierte Indikationen und Grenzen hat.
Dennoch bleibt die Generationenperspektive ein nützliches didaktisches Werkzeug, da sie abbildet, wie sich die Philosophie der Adhäsion veränderte: von maximaler Kontrolle über die Schmierschicht (Smear Layer) über das Streben nach Vereinfachung bis hin zum Streben nach Universalität.
Arandi (2023) [3] betont, dass die Wahl des Adhäsivs vom Verständnis des Substrats (Schmelz vs. Dentin) ausgehen sollte, nicht von der Marketingbezeichnung der Generation. Schmelz erfordert ein Säureätzen für eine optimale Mikroretention; Dentin ist empfindlicher gegenüber der Aggressivität der Säure.
02Generationen 4–5Drei-Schritt- und Zwei-Schritt-Etch-and-Rinse
Die 4. Generation stellt den Goldstandard der Adhäsion am Schmelz dar. Das Protokoll umfasst drei Schritte: Ätzen mit Phosphorsäure (37 %), Abspülen, Applikation des Primers und anschließend des Bonds. Van Meerbeek et al. (2020) [2] bezeichnen das Drei-Schritt-E&R-System als „Goldstandard" für die Adhäsion am Schmelz mit konsistent höchsten Werten der Mikrozugfestigkeit des Verbunds.
Die 5. Generation vereinfachte das Protokoll durch die Zusammenführung von Primer und Bond in einer Flasche (sogenannte One-Bottle-Systeme). Heintze et al. (2011) [4] wiesen in einer Studie, die Labordaten mit klinischen Ergebnissen korrelierte, nach, dass Drei-Schritt- und Zwei-Schritt-E&R-Systeme höhere Werte der Verbundfestigkeit erreichen als Self-Etch-Systeme — insbesondere am Dentin nach längerer Wasserexposition.
Ivoclar Vivadent — ExciTE F DSC: Dieser Total-Etch-Bond (Ätzen mit Phosphorsäure separat, Primer und Bond in einem einzigen Schritt) ist ein Vertreter der 5. Generation mit erweiterter Dual-Cure-Fähigkeit. Die zentrale Innovation ist das patentierte Applikationspinselchen, das mit einem chemischen Initiator beschichtet ist — dadurch ist auch bei der Verwendung mit dual- oder chemisch härtenden Materialien kein separater Aktivator erforderlich. ExciTE F DSC ist vor allem für die adhäsive Zementierung indirekter keramischer und Komposit-Restaurationen sowie für die Fixierung endodontischer Stifte in Kombination mit dual- oder chemisch härtenden Zementen (z. B. Variolink® Esthetic) indiziert.
03Generationen 6–7Self-Etch-Systeme und All-in-One
Die 6. Generation brachte Zwei-Schritt-Self-Etch-Systeme: Ein saurer Primer konditioniert die Schmierschicht ohne Abspülen, der Bond wird separat appliziert. Der Vorteil ist eine geringere postoperative Empfindlichkeit am Dentin; der Nachteil ist eine schwächere Adhäsion am ungeätzten Schmelz. Erickson et al. (2009) [5] wiesen nach, dass ein Vorätzen des Schmelzes mit Phosphorsäure vor der Applikation von SE-Systemen die Verbundfestigkeit um 27–86 % erhöht und sie an den E&R-Ansatz angleicht.
Die 7. Generation (All-in-One) führte Ätzen, Primer und Bond in einem einzigen Schritt zusammen. Guéders et al. (2006) [6] zeigten in einer In-vitro-Studie zur Mikroleakage, dass All-in-One-Self-Etch-Systeme eine statistisch höhere Mikroleakage aufweisen als E&R-Systeme — mit Ausnahme mittelstarker SE-Adhäsive, die sich dem E&R annäherten.
Ivoclar Vivadent — AdheSE: Ein Zwei-Schritt-SE-System (6. Generation). Ein saurer Primer konditioniert das Dentin und die Schmierschicht ohne die Notwendigkeit des Abspülens. Indiziert für direkte Kompositfüllungen, insbesondere in zervikalen Bereichen mit überwiegendem Dentinanteil.
04Generation 8Universelle (Multi-Mode-)Adhäsive
Universelle Adhäsive, die seit 2011 auf dem Markt sind, stellen die bislang flexibelste Kategorie dar: Ein Produkt lässt sich als E&R, SE oder Selective-Etch verwenden. Alsaeed (2022) [7] fasst zusammen, dass universelle Systeme zur beliebtesten Kategorie auf dem Markt geworden sind, wobei das zentrale funktionelle Monomer 10-MDP (10-Methacryloyloxydecyl-Dihydrogenphosphat) ist, das eine stabile ionische Bindung mit Hydroxylapatit eingeht.
Francois et al. (2026) [8] wiesen in der bislang größten praxisbasierten Studie (31 201 standardisierte Tests, 90 Adhäsive/Applikationsmodi über 25 Jahre) nach, dass sich die Leistung eines Adhäsivs weder aus seiner Generationenkategorie noch aus dem Vorhandensein von 10-MDP vorhersagen lässt — entscheidend ist die individuelle chemische Formulierung. Die Einzeldosis-Verpackung (Single-Dose) brachte dabei eine statistisch höhere Verbundfestigkeit gegenüber Flaschensystemen (p < 0,01).
Universelle Adhäsive bieten klinische Flexibilität, doch ihr tatsächliches Potenzial hängt von der richtigen Wahl des Applikationsmodus je nach Substrat ab — Selective-Etch am Schmelz und Self-Etch am Dentin bleibt die empfohlene Strategie.
Ivoclar Vivadent — Adhese Universal: Das Flaggschiffprodukt von Ivoclar in der Kategorie der 8. Generation. Es enthält das 10-MDP-Monomer und ist im Format VivaPen (Dosierstift) sowie als klassische Flasche erhältlich. Es lässt sich in allen drei Applikationsmodi verwenden. Der Hersteller deklariert die Kompatibilität mit Light-Cure-, Dual-Cure- und Self-Cure-Kompositen und -Zementen ohne die Notwendigkeit eines separaten Aktivators — ein Vorteil gegenüber einer Reihe konkurrierender Systeme. Dantagnan et al. (2026) [9] bestätigten in einem systematischen Review, dass UA-Systeme eine ausreichende Verbundfestigkeit am Schmelz sowie an Restaurationsmaterialien bieten, wobei ein Vorätzen des Schmelzes mit Phosphorsäure über 15 s die Leistung weiter verbessert.
05Praktische EmpfehlungWie man das Adhäsiv für die konkrete Situation auswählt
Die Wahl des Adhäsivs ist keine Frage des Trends, sondern des Substrats und der klinischen Situation:
- Überwiegender Schmelz (Frontzähne, flächige Füllungen): Drei-Schritt-E&R oder Selective-Etch-Modus eines universellen Adhäsivs — Schmelz erfordert ein Säureätzen für eine optimale Mikroretention [2].
- Überwiegendes Dentin (zervikale Läsionen, tiefe Kavitäten): SE-Modus oder Zwei-Schritt-SE-System — verringert das Risiko postoperativer Empfindlichkeit [3].
- Indirekte Restaurationen (E.max, Zirkonoxid): Adhese Universal im E&R-Modus in Kombination mit Monobond Plus (Silan + 10-MDP-Primer) — die chemische Adhäsion am Substrat ist hier ebenso wichtig wie die mikromechanische Retention [7].
- Dual-Cure-Zemente: Adhese Universal und ExciTE F DSC sind mit der Dual-Cure-Aktivierung ohne separaten Aktivator kompatibel — überprüfen Sie die Kompatibilität bei anderen Systemen [2].
- Verpackung: Francois et al. (2026) [8] empfehlen die Single-Dose-Verpackung (VivaPen bei Adhese Universal) für konsistente Ergebnisse — Flaschensysteme sind anfälliger für eine Degradation der Formulierung durch wiederholtes Öffnen.
06Reference
- Sofan E, Sofan A, Palaia G, Tenore G, Romeo U. Classification review of dental adhesive systems: from the IV generation to the universal type. Annali di stomatologia. 2017. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28736601/
- Van Meerbeek B, Yoshihara K, Van Landuyt K, Yoshida Y, Peumans M. From Buonocore's Pioneering Acid-Etch Technique to Self-Adhering Restoratives. A Status Perspective of Rapidly Advancing Dental Adhesive Technology. J Adhes Dent. 2020. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32030373/
- Arandi NZ. The Classification and Selection of Adhesive Agents; an Overview for the General Dentist. Clin Cosmet Investig Dent. 2023. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37692095/
- Heintze SD, Thunpithayakul C, Armstrong SR, Rousson V. Correlation between microtensile bond strength data and clinical outcome of Class V restorations. Dent Mater. 2011. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20947156/
- Erickson RL, Barkmeier WW, Kimmes NS. Bond strength of self-etch adhesives to pre-etched enamel. Dent Mater. 2009. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19473695/
- Guéders AM, Charpentier JF, Albert AI, Geerts SO. Microleakage after thermocycling of 4 etch and rinse and 3 self-etch adhesives with and without a flowable composite lining. Oper Dent. 2006. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16924985/
- Alsaeed AY. Bonding CAD/CAM materials with current adhesive systems: An overview. Saudi Dent J. 2022. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35692241/
- Francois P, Le-Goff S, Attal JP, Gouze H, Lapostolle B. Battle of the bonds: Practice-based standardized dental adhesive testing of immediate dentin shear bond strength over 25 years. J Dent. 2026. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41687956/
- Dantagnan CA, Boudrot M, Bosco J, Dot G, Nassif A. Effectiveness of universal adhesives for orthodontic bonding to enamel and restorative materials: A systematic review. Int Orthod. 2026. Available from: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41270430/
